Mehr Pflegebedürftige – weniger Personal

Deutschlands Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen benötigen
dringend mehr Personal. So geht der Pflegebevollmächtigte der
Bundesregierung, Karl-Josef Laumann, für die nächsten 25 Jahre davon
aus, dass wir jedes Jahr 20.000 zusätzliche Pflegekräfte mehr
benötigen, allein um die jährlich um 2 bis 3% steigende Zahl der Pflegebedürftigen
versorgen zu können.
Im Herbst 2014 haben rund 61.800 Jugendliche eine Berufsausbildung in einem Pflegeberuf begonnen. 2012 betrug die Zahl 58.300. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) dabei mitteilt, ist die Zahl gegenüber 2004 insgesamt um 41% gestiegen. Das stimmt zuversichtlich. Keine Zahlen lieferte das Destatis allerdings über die Auszubildenden, die die Ausbildung wieder abgebrochen haben.

Neuer Pflegebedürftigkeitsbegriff nur mit mehr Personal umsetzbar

Die Forderungen nach mehr Personal häufen sich. Neben dem Deutschen Pflegerat
(DPR) hat jetzt auch die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) ihre Forderung nach mehr qualifiziertem Personal in der Altenpflege bekräftigt.
Sie stimmt damit dem DPR zu, dass der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff ab 2017 nur mit zusätzlichem Personal umgesetzt werden kann. Wir brauchen feste Vorgaben für Personalschlüssel, sowohl m Krankenhaus als auch im Bereich der stationären Pflegeeinrichtungen. Im SGB XI ist man an dieser Stelle weiter.
Nicht nachvollziehbar ist es jedoch, dass es auch dort keine bundeseinheitlichen
Personalschlüssel gibt, und dass die heutige Personalausstattung angesichts bundeseinheitlich geregelter Module für die Pflegebedürftigkeit – wie auch für die
Leistungen – je nach Bundesland um mehr als 20% abweicht. Das hat direkte Auswirkungen auf die Qualität der Versorgung und die Arbeitsbelastung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der
Pflege. Für den Bereich des SGB XI ist ein Personalbemessungsverfahren geplant. Dessen Ergebnisse sollen spätestens bis zum 30. Juni 2020 vorliegen. Das ist aus Sicht des DPR deutlich zu spät. Zudem ist die verbindliche Umsetzung der Ergebnisse
und deren Finanzierung nicht geklärt. Der Gesetzgeber muss an dieser Stelle klar nachbessern.

 DBfK fordert Personalbemessung
Eine solche gesetzlich definierte Pflegepersonalbemessung und ebensolche Personalmindeststandards mahnt auch der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe
(DBfK) an. Jetzt hat der Verband dazu ein Faktenblatt „Nurse-to-Patient Ratios“
des Weltverbands der Pflegeberufe ICN in deutscher Übersetzung vorgestellt.
Es zeigt, warum feste Personalschlüssel nötig sind und welche Erfahrungen andere Länder damit gemacht haben. Kritik äußert der DBfK an so genannten „Krankenhausexperten“, die den Pflegenotstand auf den Stationen bagatellisieren. Es sei wirklich erstaunlich, wer sich alles berufen fühle, die Arbeitssituation der Pflegenden im Krankenhaus zu beurteilen, so der DBfK.

Massiver Fachkräftemangel in Brandenburg

Nicht mehr zu leugnen ist der massive Fachkräftemangel in der Pflege in Brandenburg.
Das geht aus der Beantwortung einer Anfrage der Linksfraktion im Potsdamer Landtag hervor. Demnach benötigen die Pflegeeinrichtungen im Land bereits in den nächsten vier
Jahren bis zu 13.200 neue Fachkräfte in der Gesundheits-, Kranken- und Altenpflege. Ende November 2015 befanden sich im Land aber nur rund 3.500 Menschen
in der Pflegeausbildung. Die Landesregierung will mit ihrer Pflegeoffensive dagegen halten. Hier geht es unter anderem um ein Modellprojekt für einen effektiven Personaleinsatz in der Pflege, nicht jedoch um eine bessere Bezahlung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Dabei hinkt das Land gegenüber Berlin um rund 300 Euro pro Monat in den Gehältern hinterher. Kein Wunder, wenn es zu großen Pendlerströmen von Pflegerinnen und Pflegernach Berlin kommt. Ähnlich ist die Situation an den Landesgrenzen zwischen Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen sowie den Freistaaten Thüringen und Bayern.

NRW braucht ein Drittel mehr Pflegekräfte

In Nordrhein-Westfalen haben über 70 Interessenvertretungen aus Pflegeeinrichtungen
bei Bund und Land eine schnelle Anpassung der veralteten Personalrichtwerte
angemahnt, berichtet ver.di NRW. Konkret würden rund 34.000 Pflegekräfte fehlen, um die Arbeit ordnungsgemäß erledigen zu können. Demnach müssten ein Drittel mehr Pflegekräfte im Land eingestellt werden. Die für NRW beschlossene Personalerhöhung um 6,8% sei „ein Tropfen auf den heißen Stein und wird die Probleme nicht lösen“, heißt es in dem Bundesland, das bundesweit bereits die höchsten Personalschlüssel in der Pflege hat.NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens betonte denn auch auf einer Tagung in Essen: „Wenn die Versprechen des Bundes zur Umsetzung des Pflegestärkungsgesetzes
II eingehalten werden sollen, muss eine deutlich spürbare Verbesserung
der Personalsituation ohne finanzielle Mehrbelastung der Pflegebedürftigen
umgesetzt werden“. Sonst würde sich die Reform als Mogelpackung herausstellen.

800 Millionen Euro für mehr Personal?

Im SGB XI habe man „800 Millionen Euro für mehr Personal hinterlegt“, sagte
Laumann auf dem Hauptstadtkongress 2016, und machte gleichfalls deutlich, dass der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff nur mit mehr Personal umgesetzt werden könne. „Wenn nächstes Jahr Ostern das gleiche Personal in den Pflegeeinrichtungen arbeitet wie dieses Weihnachten, dann wurde der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff nicht umgesetzt“, warnte der Pflegebevollmächtigte, und versprach: „Wir sehen uns dies sehr genau an“.

 

 

Autor: Moritz Ernst, DPR
Quelle: http://www.deutscher-pflegerat.de/